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Hunde – unsere Seelenspiegel

Was Vierbeiner über „ihre“ Menschen verraten. Von Hannelore Mezei

Herbert ist ein muffiger Einzelgänger, der nicht unbedingt die Gesellschaft anderer Menschen sucht. Alles, was für ihn zählt, ist sein Hund Dino. Der passt optimal zu seinem Herrchen. Er weicht Spaziergängern aus oder verbellt sie und will auch mit seinen Artgenossen nichts zu tun haben. Alles was zählt, ist Herrchen. 

Ähnlich ist die Situation bei Manuela und der kleinen Bella. Manuela ist extrem hektisch, redet beinahe ununterbrochen, regt sich über alles auf und wird von wenig wohlwollenden Zeitgenossen als hysterisch bezeichnet. Und Bella? Sie bellt, sie kreischt, sie rennt ständig von einem Platz zum anderen und kommt nicht zur Ruhe. 

Hysterisches Frauchen – hysterischer Hund? Muffiges Herrchen – muffiger Hund? Inwieweit stimmt die oft belächelte Annahme, dass Vierbeiner und ihre Besitzer einander ähneln? 

Übertragung durch Spiegelneuronen 
Der Wiener Verhaltensforscher Univ. Prof. Dr. Kurt Kotrschal bestätigt, dass Hunde wahre Meister darin sind, unsere Empfindungen zu erkennen und zu spiegeln. Nicht nur intuitiv, sondern auch aus unserer Mimik, unserem Tonfall, unserer Körpersprache lesen sie uns. 

Hunde beobachten ihre Besitzer und reagieren immer auf deren Verhalten. „Es wurde mehrfach in Untersuchungen gezeigt, dass Menschen ihre Hunde emotional anstecken können. Dies geschieht wahrscheinlich unter Vermittlung der Spiegelneuronen.“ 

Die deutsche Hundetrainerin und Kommunikationsberaterin (für Zweibeiner) Bettina Almberger, die sich seit Jahren in ihrer Arbeit intensiv diesem Thema widmet, kennt das aus ihrer praktischen Erfahrung: „Kommt ein eher ruhiger Hund zu einem nervösen hektischen Hundehalter, so spürt er diese Unruhe sofort und reagiert seinerseits darauf. Entweder zieht er sich von seiner Besitzerin/seinem Besitzer zurück oder entwickelt ein ähnliches Verhalten.“ 

Ob es sich um Hektik, Ängste, Aggressionen oder Unsicherheit handelt: Wir Menschen belasten unsere vierbeinigen Lebensgefährten nachweislich mit unseren eigenen Problemen. Während ein traurig gestimmtes Frauchen meist von ihrem Hund getröstet wird und ein fröhlich ausgeglichener und selbstsicherer Besitzer dem Vierbeiner gute Stimmung, Gelassenheit und Sicherheit vermittelt, übertragen sich Spannungen, Stress und Probleme auf das Tier. 

Der Hund versucht dann, ausgleichend darauf zu reagieren: Entweder kompensiert er durch extrem gegenteiliges Verhalten oder übernimmt das Verhalten von Frauchen und Herrchen. In jedem Fall kommt es zu Problemen, die viele Besitzer dann ihren Tieren anlasten und sie bestrafen. „Wird der Hund aber auf diese Weise seiner Möglichkeiten beraubt, die Spannungen auszugleichen, stauen sich diese in ihm auf und äußern sich mitunter in psychosomatischen Störungen oder organischen Krankheiten“, so Bettina Almberger. 

Von all dem nimmt der Hundebesitzer nur das „schlimme Benehmen“ seines Tieres wahr und versucht, mit Hilfe eines Trainers das störende Verhalten zu ändern. „Doch der Hund spiegelt lediglich die Probleme des Besitzers. Werden sich Menschen dessen bewusst und arbeiten an sich selbst, so wird das Umtrainieren des Hundes viel leichter möglich oder gar unnötig“, weiß die Hunde- und Kommunikationstrainerin. Somit profitieren aber auch wir von unserem „Spiegelbild“. Denn so können wir eigene unbewältigte Probleme erkennen und dagegen angehen. 

Unsicherheit an beiden Enden der Leine 
Ein häufiges Beispiel für solches „Problemverhalten“ ist ein ängstlicher Hund. Bettina Almberger beobachtet immer wieder, wie aus einem psychisch gesunden Hund im Lauf der Zeit ein unsicherer Vierbeiner wird, weil er die Ängste des Besitzers annimmt. So etwa die Angst eines unsicheren Besitzers vor der Auseinandersetzung seines Lieblings mit einem überlegenen großen „aggressiven“ Hund. 

Der Hund spürt bei der Begegnung mit so einem gefürchteten Artgenossen die Muskelanspannung und Nervosität seines Menschen; dieser versucht dann womöglich noch, durch Tätscheln des Hundes sich selbst zu beruhigen. Also muss das Tier davon ausgehen, dass Gefahr droht. Es wird dieser vermeintlichen Gefahr entweder aggressiv begegnen oder sich von nun an vor großen Hunden fürchten. Ebenso wie Herrchen. 

So bestärken sich Mensch und Hund gegenseitig in ihrer Angst und geraten in einen Teufelskreis. Manchmal spiegeln Hunde die Probleme ihres Menschen nicht durch „Kopieren“, sondern durch gegenteiliges Verhalten. Freiheitsliebende Hunde, die ihre eigenen Wege gehen und davonlaufen, deuten auf einen Besitzer hin, der seine Freiheit nicht auslebt. Ein fordernder Hund wiederum spiegelt einen nachgiebigen Menschen. Personen mit Kontrollzwang haben oft Hunde, die überhaupt nicht gehorchen. Man kann auch immer wieder beobachten, dass die Hunde von Menschen, denen es schwerfällt, Grenzen zu setzen, diese Grenzen selbst deutlich zum Ausdruck bringen: durch ständiges Bellen, übermäßiges Revierbewachen usw. 

„Psychoanalytiker“ auf vier Pfoten 
Tiere labiler Menschen suchen ganz besonders die Nähe ihrer Besitzer. Entweder aus eigener Unsicherheit oder weil sie im Zweiergespann die Verantwortung übernehmen und für den menschlichen Partner da sind. Beispielsweise zeigt eine Studie an der veterinärmedizinischen Universität Wien unter Leitung von Prof. Kotrschal, wie sich die menschliche Persönlichkeitsstruktur auf die räumliche Nähe zwischen Mensch und Hund auswirkt. 

„Je weniger emotionale Stabilität die Studienteilnehmer aufwiesen, umso mehr betrachteten sie ihren Hund als Unterstützer und umso länger hielt sich der Hund in der Testsituation in der Nähe des Besitzers auf“, berichtet der Verhaltensforscher. Der Frage „Was stimmt nicht mit meinem Problemhund?“ sollte daher immer die Frage folgen „Was stimmt nicht mit mir? Welche Probleme, die mir zu schaffen machen und derer ich mir vielleicht gar nicht bewusst bin, spiegelt mein Hund?“ 

Dies nützt die deutsche Tiertherapeutin und Traumaexpertin (für Menschen) Maike Maja Nowak in ihrer Arbeit mit Klienten und ihren Hunden. Gibt sich jemand hart und dominant, um seine Unsicherheit zu kompensieren? Ist jemand allzu nett und drängt so seine Wut zurück, um dem idealen Selbstbild zu entsprechen? Sein Hund hat eine Antwort darauf. Maike Maja Nowak in ihrem Buch „Der Hund als Spiegel des Menschen“ (Mosaik Verlag): „Hunde können hier heilsame Spiegel für ein falsches Selbstbild sein. Sie reagieren ohne die Verzerrung menschlicher Höflichkeit und Manipulation. Sie helfen uns, die wahre Seite in uns zu erkennen und können so einen wertvollen Beitrag leisten, psychische Probleme zu bewältigen.“

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